Ein Seidenschal für Rima

Der nächste Tag Tag „Von Frauen – für Frauen“ in Armenien wird im April 2015 in Vanadzor stattfinden. Hier Fotos und Bericht von November 2011

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Aufgeregt spähe ich durch die trübe Fensterscheibe. Im kalten Wind wiegen sich dornige Rosenzweige. Verstohlen beobachte ich eine Gruppe Frauen. Manche haben sich dick eingepackt in einen warmem Mantel und ein Kopftuch. Andere tragen nur eine dünne Strickjacke. Sind sie genau so gespannt wie ich? Freuen sie sich auf diesen Tag? Ich kann meine Vorfreude kaum noch zügeln! Bei allen Gedanken, die mir durch den Kopf tanzen, wünsche ich mir vor allem Eines: dass ich diesen, mir fremden und doch vertrauten Frauen eine Freude machen kann.

Alles hatte vor etwas mehr als vier Jahren seinen Anfang genommen. Damals hatte ich von einer Hilfsorganisation den Auftrag bekommen, nach Nordarmenien zu reisen. Ich sollte einen Bericht über ihre Projekte und die dortigen Lebensverhältnisse erstellen. Zweifelnd fragte ich mich, ob ich dieser Aufgabe gewachsen sein würde.

Daselbst erhob sich große Not – viel Steine gab‘s und wenig Brot“ – die Zeilen des Dichters Ludwig Uhland gehen mir unablässig durch den Kopf, als wir vom Flughafen, aus Jerewan kommend, hoch in die Kaukasusausläufer Nordarmeniens fahren. Geröll und Steinbrocken bedecken die weitläufigen Berghänge. Ihre karge Schönheit beeindruckt und fasziniert mich gleichermaßen. Genauso wie die Menschen, die ich in den nächsten Tagen kennenlerne. Viele von ihnen sind bitterarm. Ich höre ihre Geschichten, die dicht verwoben sind mit dem Schicksal ihrer Heimat.

1988 hatte ein Jahrhunderterdbeben nicht nur die ganze Region um die nordarmenische Stadt Vandzor erschüttert, sondern auch ihr Schicksal radikal gewendet. Darunter war auch Rima. Die gelernte Elektrotechnikerin und Mutter von fünf Kindern wohnte seither im Elendsviertel der Stadt.

Nun noch selten kommt sie in die Unterstadt. Dort wo langgestreckte Bürogebäude und Fertigungshallen stehen, die riesigen Industriebetriebe der Stadt, darunter auch ihr ehemaliger Arbeitgeber. Sie bleibt vor dem Pförtnerhäuschen stehen, betrachtet die eiserne Faust, die sich siegreich in den Himmel reckt. Es ist als wäre es erst gestern gewesen, dass sie hier ein und aus ging, absolut sicher, dass sie ihre Karriere nichts im Weg stehen würde. Eine Amsel fliegt aus einer zerbrochenen Fensterscheibe, als Rima sich abwendet. Sie kann die lebhafte Stadt von einst nicht vergessen. Die verheißungsvolle Zukunft im kommunistischen Armenien. Damals der reichste Staat der Sowjetunion – wird es je wieder anders werden?

Auch mir legt sich der Alpdruck der Stadt auf die Seele – ich bin fassungslos, sprachlos – stumm. Nachts kann ich kaum abschalten. Schnappschüsse des Tages tauchen vor meinen Augen auf: Rimas unterentwickelte, viel zu dünne Kinder im Containerdorf. Ausgehöhlte Autowracks dienen als Klettergerüst auf ihrem Spielplatz – gleichzeitig eine Müllhalde, auf der ein mageres Schwein nach Fressen stöbert. Ihr Zuhause ist ein ausgedienter Container. Zwischen den anderen Behausungen Frauen, die an einer Wasserleitung ihre Wäsche in einer Schüssel waschen. Steif gefrorene Leintücher – dick mit Schnee bedeckt.

Ist hier nicht jede Hilfe nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Ich fühle mich so hilflos, so schuldig. Warum geht es mir so gut, warum Rima so schlecht?

Auf diese erste Reise folgten weitere. Immer wieder war ich zu Gast in den schäbigen Baracken. Ich habe Rima und ihre Nachbarinnen besser kennengelernt.

Alles Mütter, viele allein erziehend. Allein verantwortlich, aber mit erstaunlichem Glauben und Lebenswillen. Tapfer im Kampf gegen die Resignation, gegen den Hunger des Körpers und der Seele. Und Rima kämpft ganz vorne mit, ist jederzeit Freundin und Trösterin ihrer Nachbarinnen. Das beeindruckt mich zutiefst. Ich spüre, dass es an solchen Orten das Einzige ist, das hält.

Jetzt, kurz vor Weihnachten, steht wieder eine Reise bevor.

Denke ich heute an Armenien, habe ich Rima und ihre Nachbarinnen vor Augen. Ich träumen davon, dass ich den Frauen Wertschätzung, Liebe, ja, meine Freundschaft mitbringen möchte. Aber wie ist das möglich?

Mir ist bewusst: mein Leben unterscheidet sich himmelweit von dem ihren. Niemals kann ich auch nur im Ansatz ermessen, was es bedeutet, dort zu wohnen, zu leben, Kinder großzuziehen. Wie leben sie Beziehungen, Partnerschaft – in einer kleinen Hütte zu Fünft oder gar zu Acht?

Aber ist nicht jede Frau dort in der Seele eine Frau wie ich?!

Mit einem Hunger nach Leben, nach Freundschaft, nach Wertschätzung?

Diesen Hunger kann keine Hilfsorganisation der Welt stillen. Genauso wenig, wie durch meinen Reichtum, meine Arbeit und mein Haus, mein innerer Hunger gestillt wird.

Ideen beginnen sich in mir zu formen. Ich möchte ihnen etwas von mir mitbringen und und ich bete, dass Gott dadurch ihren Lebenshunger stillt. Das ist sicherlich vermessen, denn bin ich nicht viel zu fremd, zu reich oder zu unerfahren?

Aber ich möchte so gerne Licht in diese Dunkelheit bringen, so wie Jesus das mit seinem „Besuch“ auf unserer Erde getan hat. Botschafter an Christi statt sein. Dazu muss ich unbedingt meine Zweifel, die so oft zwischen allem stehen, überwinden.

Mir wird klar, ich brauche Verstärkung, zumindest mental, sonst würde ich meinen Traum nie angehen.

Ich begann den Frauen in meiner Gemeinde von Armenien zu erzählen und meinen Traum mit ihnen zu teilen. Ich berichtete von dem Leben dort und von dem schäbigen „Kirchencontainer“. Dann lud ich sie ein, für die armenischen Frauen zu beten.

Parallel dazu weihte ich meine Übersetzerin ein: Was hielt sie davon die Frauen im Slumviertel zu einem Freundschaftstag einzuladen?

Mit meiner Idee hatte ich eine Lawine losgetreten. Unabhängig voneinander kamen mehrere Frauen zu mir, die mir Modeschmuck, Schals, Kerzen, Servietten und Süßigkeiten vorbeibrachten. Mein Büro platzte aus allen Nähten! Ich sortierte alles nach Farben und bekam schließlich 40 Päckchen zusammen.

Aus Armenien erreichte mich die Nachricht, dass sich 40 Frauen angemeldet hätten. Das machte mir Mut: Gott fand diese Besuchsidee wohl auch toll!

Heute ist er da, der große Moment. Alles ist vorbereitet. Ich spähe durch das Fenster, erwartungsvoll in meiner Vorfreude. Der Raum in dem alten Militärcontainer ist genau so unschön, wie ich ihn in Erinnerung habe. Mit einem großen Tuch und Blumendrucken habe ich die Wände verschönert. In der Ecke wärmt ein angefeuerter Blechofen das Zimmer. Wir decken den Tisch mit Servietten und Teelichtern. Zum Essen besorgen wir Kuchen, frisches Obst, Süßigkeiten und Saft. Rima kocht Kaffee. Ganz nach den üblichen armenischen Gewohnheiten.

Barev Tzes! Guten Tag! Ich begrüße jede einzelne Frau: Ihre anfängliche Skepsis löst sich in Wohlgefallen auf – Schön! Eine kleine Kerze auf einer dekorativen Serviette, dazu eine Spruchkarte leuchtet ihnen an ihrem Platz entgegen. Die Stimmung erinnert an Weihnachten. Spannung, Vorfreude und Ehrfurcht pur. Es rührt mich zutiefst, als alle dicht gedrängt im warmen Mantel den kleinen Raum füllen. Die Jacke ablegen wollte keine. Als das Feuer später ausgeht und ich die kalte Zugluft durch die Wand spüre, weiß ich warum.

Zu Beginn schauen wir einen Film an, den ich bei meiner letzten Armenienreise gedreht habe. Aufgeregtes Stimmengemurmel. Das sind ja sie, ihre Stadt, ihre Sorgen, ihre Freundinnen! Ich erobere ihre Herzen damit im Sturm.

Nach dem ausführlichen Kaffee- und Safttrinken und Schokotorte essen, nehme ich die Frauen mit auf eine Nigerreise. Ein Bericht aus einem der ärmsten Länder unserer Erde, gebeutelt von Dürrekatastrophen und Hungersnöten, soll die Brücke zu meinen armenischen Zuhörerinnen schlagen.

Die Frauen in Westafrika hatte ich ebenso mit großen Sorgen und Nöten konfrontiert gesehen, wie die hier im Kaukasus. Auch die Afrikanerinnen kämpften um ihr Gottvertrauen.

Ich zeige den Armenierinnen das Foto einer wunderschönen weißen Seerose – fotografiert am Ufer des Niger. Hier hatte mir eine Frau gesagt: „Wenn ich müde bin und nicht mehr weiter weiß, dann komme ich hierher. Wenn ich die Blumen ansehe, die Gott so wunderschön gemacht, dann weiß ich auch, dass er mich nicht vergessen hat und sich um alle Kleinigkeiten in meinem Leben kümmert.“

Ich spüre, an dieser Stelle sind wir uns alle gleich. Ob wir arm oder reich sind, wir möchten es immer wieder wissen: „Kümmert sich Gott um uns?“

Nun lade ich die Besucherinnen zu einem Experiment ein. Sie sollen sich ihr eigenes Andenken malen. Ich wünsche mir, dass ihre Seelen zur Ruhe kommen, das bisher Gehörte und Erlebte sich ihnen einprägt.

Zögerlich versuchen sie es, tauchen den Pinsel in die Acrylfarbe. Gesichter, Häuschen, Bäume, Blumen nehmen Gestalt an. Die verhärmte Babuschka sitzt neben der aufwändig frisierten Dame – jede hat ihre eigene Geschichte. Doch beim Malen sind alle einfach Mädchen, die heute einmal sich selbst sein dürfen, sich nicht zu sorgen brauchen. Ein unbeschwerter Nachmittag, den die meisten so schon lange nicht mehr hatten.

Zum Abschied drücke ich jeder Besucherin ein hübsches Päckchen in die Hand. Dank meiner Freundinnen in Deutschland kann ich jeder einen bunten Schal und Schmuck überreichen. Das Tragen das Seidentuchs soll sie erinnern: Gott hüllt dich ein, in seine Liebe und Fürsorge.

Am nächsten Tag erhalten wir einen Anruf von Rima. Ihre Nachbarin hatte ihr erzählt: „Ich leide unter Bluthochdruck, 170/180. Aber während der vier Stunden, als wir zusammen waren, fühlte ich mich so leicht und glücklich. Als ich nach Hause kam, musste ich mich nicht hinlegen wie sonst, sondern konnte ganz beschwingt meine Arbeit machen.“

Lag das an der Schokotorte, dem Bericht aus Niger, dem Malen oder an dem Psalm, den wir gelesen hatten? Lobe den Herrn meine Seele… er vergibt alle meine Sünden, ..er heilt .. er erlöst! Er hüllt mich ein in Gütigkeit – ein Bild von dem ich mir erhoffte, dass wir alle es nie vergessen würden?!.

Ich bin mir sicher nach diesem Tag in dem alten, rostigen „Kirchencontainer“, das es unwichtig ist, wer ich bin oder was ich kann und habe. Seit Jesus mich besucht hat, ja, in mir lebt, besucht er durch mich andere. Genau wie damals, als er an Weihnachten kam – um uns sein Licht zu bringen, um uns Mut zu machen: Ihr seid nicht alleine, ich kümmere mich um euch.

Christiane Ratz

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