Jesus findet Muslime

Leseprobe aus dem Buch „Jesus findet Muslime“ von Christiane Ratz ab September 2017 im Brendow-Verlag

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Die Sonne schiebt sich milchig über die noch schwarze Silhouette der Stadt. Enat und Raoul treiben ihre Esel zum Markt. Raoul hat viel zu erzählen. Von Überfällen Radikaler an der Grenze, dem Dahinschlachten ganzer Dörfer, den Flüchtlingen, die sich übers Mittelmeer in kleinen Booten wagen und dass manche dabei ertrinken. Sein Freund kann etwas lesen und ergattert ab und zu eine Zeitung. Er versorgt Enat jeden Morgen mit Neuigkeiten aus aller Welt. Gestern war er allerdings beim AirTel-Shop, der Besitzer dort hat neuerdings ein Fernsehgerät vor seinem Laden aufgebaut. Schreckliche Bilder hätten sie gezeigt. Enat glaubt das nicht. Gläubige bringen doch keine Gläubigen um!?

 

Freunde seiner Söhne sind auf dem Weg nach Norden. Tagelang saßen sie beieinander, redeten von nichts anderem, als von Europa. Dort soll es Arbeit und eine Zukunft geben. Hier gibt es für die meisten nichts davon. Seine Söhne wären auch gerne dabei. Doch Träume sind teuer. Irgendwie ist Enat auch ein bisschen froh, dass sie ihr Fernweh mit dem Verkaufen von Wasserkanistern an Reisende stillen müssen. Oben in Agadez, am „Tor zur Welt“, wie sie oft mit einem Unterton von Sehnsucht berichten. Sie haben ihr Business und verdienen ihr eigenes Geld, gerade soviel, dass sie ihm nicht auf der Tasche liegen.

Als Enat seinen Esel hoch mit Wüstengras beladen nach Hause führt, sieht er schon von Weitem seine Frau sitzen. Ihre Hütte steht in einem schattigen Hof hinter einer hohen Ziegelmauer. Davor arbeitet Aima, von Kunden umringt. Sie hat eine kleine Frühstücksbäckerei: Zwischen drei Steinen rauchen krumme Holzstangen, über dem Feuer brodelt ein Topf mit heißem Fett. Breitbeinig sitzt Aima auf einer umgedrehten Kallebase und schöpft eben fertig gewordene Hirsebällchen ab.

Enat leckt sich die Finger ab und lässt sich mit überkreuzten Beinen auf einer Matte im Schatten nieder. Daneben stellt er den kleinen Feuerkorb auf und legt ein paar glühende Kohlestückchen hinein. Er fischt nach dem abgestoßenen Teekännchen, das halb vergraben im Sand liegt und schüttet die alten Teeblätter aus, reibt es ein wenig ab und füllt ein frisches Päckchen Tee in die Kanne. Das Cellophan und die kleine Teeschachtel lässt er einfach fallen, während er das emaillierte Kännchen auf den Kohlen zurechtrückt und ein wenig Wasser zu den Blättern gibt. Während Enat wartet, dass das Wasser zum Sieden kommt, döst er auf seiner Matte. Es ist vergleichsweise still im Hof. Zwei Ziegen rascheln im Müll, sein Esel wiehert und stupst ihn an, er will, dass Enat ihm das Futter ablädt. Doch das hat Zeit. Die Beine lang machen, einen Tee trinken und mit Raoul plaudern, wenn er später vorbei kommt, das geht vor.

 

Unerwartet schreckt Enat auf, er muss tatsächlich eingenickt sein. Er fühlt ganz deutlich: er ist nicht allein. Die Hoftür geht auf – ist es Raoul? Nein, es sind viele Männer. Er kann sie zuerst nicht richtig erkennen. Helles, gleißendes Licht bringen sie mit herein, bis in die letzten Winkel seines Hofes und seiner Seele. Der Targi rappelt sich auf. Reibt sich die Augen. Dicht gedrängt stehen großgewachsene, weiß gekleidete Männer in seinem Hof. Mindestens dreißig oder vierzig an der Zahl, um die Hüfte breite, gold glänzende Gürtel geschlungen. Sie sehen ihn an, als würden sie ihn schon lange kennen, freundlich und doch setzt Enats Herz einen Augenblick aus. Was wollen diese Krieger von ihm?

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So erklärt er es Raoul, der kurz darauf in den Hof kommt und ihn mit Fragen löchert: „Wer waren all die vielen Männer in deinem Hof? Ich habe sie schon von weitem gesehen, ihre Köpfe haben ein ganzes Stück über deine Hofmauer geragt.“

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Herbst 2017 Lesetour mit Bildern, Filmen und Musik.

Gerne stehe ich Ihnen, Ihrer Gemeinde, Buchhandlung, Frauenfrühstück etc. zur Verfügung.

Bitte nehmen Sie rechtzeitig mit mir Kontakt auf. 

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2 Comments

  1. Liebe Christiane Ratz,
    wieso findet Jesus Muslime? Müssen alle Muslime von Jesus gefunden werden? Warum findet Jesus in Ihrem Buch nicht Menschen aus allen Weltanschauungen und Glaubensrichtungen? Sollten beispielsweise wir Christen uns nicht ebenso von Jesus (wieder)finden lassen? Über die Evangelische Stadtkirchengemeinde Offenburg habe ich von Ihrem Buch erfahren und trotz aller Freude darüber, dass und wie Menschen sich von Jesus finden lassen, sind mir gleich diese obigen Fragen in den Sinn gekommen. Haben Sie eine Antwort für mich?
    Herzlichen Dank und viele Grüße
    Andreas Harder-Matern

    • Christiane
      9/18/2017
      Reply

      Ganz sicher hätte auch gepasst, „Jesus findet Menschen“ – doch im Fall dieses Buches haben all diese Menschen einen muslimischen Hintergrund und ihnen ist Jesus in einem Traum oder einer Vision begegnet. Daher gibt dieser Titel den über 20 biografischen Geschichten eine verbindende Überschrift.
      (Dieser Titel soll also anders Gläubige nicht davon ausschließen, nicht auch eine Begegnung mit Jesus zu haben, bzw. von ihm gefunden zu werden)

      Ich hatte davon gehört, dass Jesus Muslimen in Träumen oder Visionen sichtbar erscheint. Dies hat mich dazu gebracht, gezielt nach ehemaligen Muslimen zu suchen, die solch ein Erlebnis hatten, ihre Geschichten aufzuschreiben und in diesem Buch liegt nun das Ergebnis meiner Recherche vor.
      Dies ist sicher eine sehr, sehr begrenzte Auswahl und sagt damit aber gerade nicht, dass Jesus „nur“ Muslime findet.

      Durch ihr erzählen gaben sie mir einen Einblick in die Lebens- und Gedankenwelt eines durch den Islam geprägten Menschen.
      Aber jeder Leser möge dahinter sich selbst entdecken oder doch einen Menschen sehen können,
      der mit seinen Gedanken, Überlegungen und Sorgen gar nicht so weit weg von den eigenen ist.

      Und warum findet Jesus Muslime? – Zu dieser Frage gibt jede Geschichte in meinem Buch für sich eine ganz besondere Antwort 😉
      Mehr dazu gerne in einer Lesung vor Ort;-)
      Herzliche Grüße
      Christiane Ratz

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